Verzerrte Erwartungen als Mittel zur Selbstkontrolle?

Von Tobias König, Sebastian Schweighofer-Kodritsch und Georg Weizsäcker - Go to English version

Einer der einflussreichsten Beiträge der Verhaltensökonomie besteht in der Entwicklung eines Verhaltensmodells, in welchem Individuen die gegenwärtigen Leiden und Freuden gegenüber zukünftigen Leiden und Freuden überbewerten. Dies führt zu einem Selbstkontrollproblem. Ein typisches Beispiel hierfür ist das Lernen für Prüfungen. Hier hat man in der Gegenwart – wenn gelernt werden muss – vor allem Kosten, aber die Erfolge des Lernens erlebt man erst in der Zukunft, sodass man unter Überbewertung der Gegenwart weniger lernt als optimal wäre.

Hinzu kommt ein verwandter verhaltensökonomischer Effekt: Durch eine Vielzahl an empirischen Studien ist belegt, dass Erwartungen durch Wunschdenken verzerrt werden. Könnte also auch die Verbindung beider Effekte relevant sein, indem Menschen systematisch verzerrte Erwartungen formen, um Selbstkontrollprobleme wie dasjenige des Lernens zu überwinden? Die BCCP-Fellows Tobias König, Sebastian Schweighofer-Kodritsch und Georg Weizsäcker legen in einer aktuellen Studie die erste Feldevidenz vor, dass dies tatsächlich der Fall ist.

Die drei Autoren befragten während eines ganzen Semesters circa 120 Studierende eines Erstsemesterkurses regelmäßig über Ihre Lernpläne und -erwartungen bezüglich dieses Kurses. Die zu untersuchende Hypothese ist, dass Studierende sich zu mehr Lernanstrengung motivieren, indem sie subjektiv die Erträge dieser Anstrengung übersteigern. In der „heißen Phase“ nahe an der Prüfung wiegt das Lernmotiv besonders schwer, so dass die theoretische Analyse vorhersagt, dass die Studierenden in dieser Phase besonders optimistische Erwartungen zeigen. Im Nachhinein werden die Erwartungen dann wieder realistisch, denn die Prüfung ist dann bereits geschrieben und somit das Verzerrungsmotiv weggefallen. Daraus ergibt sich also die Hypothese, dass Studierende kurz vor der Prüfung die Lernerträge höher einschätzen als davor und danach.

Nun können sich studentische Erwartungen jedoch ständig ändern, in Reaktion auf relevante Informationen, welche die Forscher nicht beobachten (z.B. infolge einer TV-Diskussion über das deutsche Hochschulsystem). Die Tatsache, dass die Prüfung von den Befragten zu zwei verschiedenen Zeitpunkten (von fast 8 Wochen getrennt) geschrieben wird, erlaubt allerdings den gleichzeitigen Vergleich der Erwartungen einer Gruppe, die kurz vor der Prüfung steht, mit denjenigen einer anderen Gruppe („Kontrollgruppe“), die die Prüfung noch weit vor sich oder bereits hinter sich hat. Für Informationen, die systematisch alle Erwartungen betreffen, wird somit kontrolliert; der entscheidende Unterschied zwischen den Teilnehmern der unterschiedlichen Gruppen ist nur, ob sie kurz vor einer Prüfung stehen oder nicht. In diesem Vergleich zeigt sich die Hypothese der Autoren bestätigt: Relativ zur Kontrollgruppe liegen die Erwartungen an den Lernertrag derjenigen Studierenden, die kurz vor ihrer Prüfung stehen, signifikant höher, und sie fallen nach der Prüfung signifikant ab.

Dieses Ergebnis legt die Sichtweise nahe, dass verzerrte Erwartungen nicht per se irrational sein müssen, sondern einen materiellen (ökonomisch-instrumentellen) Wert haben können. Es gilt nun, die Psychologie solcher Verzerrungen besser zu verstehen, um abzuschätzen, wie man Menschen mittels geeigneter Informationsinterventionen dabei unterstützen kann, sich zu motivieren, um ihre Ziele zu erreichen.

Die Studie "Beliefs as a Means of Self-Control? Evidence from a Dynamic Student Survey" ist als WZB Discussion Paper SP II 2019-2014 erschienen.